ERINNERUNGEN AN DEN SOLITUDE GRAND PRIX 1964 this site in english
AKTUELL
POST VON SOLITUDE-VETERAN RICHARD MORLEY
Am 22. Dezember 2007 erreichte uns Post von einem Solitude-Veteran, der in den sechziger Jah- ren als Privatfahrer im "Continental Circus" mit Parilla-Rennmaschinen unterwegs war. Es ist Richard Morley, der im Solitude Grand Prix 1964 zum ersten Mal gegen die Weltstars im Motorrad- Rennsport antrat. Was er dabei so alles erlebte, beschreibt er ausführlich auf der Website www.motoparilla.co.uk. Auszüge daraus haben wir übersetzt.
Hi Bernard, I hope the following may be of interest to you and/or other motorcycle racing fans from the 60s. Writing this piece for www.motoparilla.co.uk reminded me of the very fond memories I have of Solitude and for all the organising staff and others who helped make it such a fantastic experience for my mechanic Vic Watton and myself. Wishing you all A Very Happy Christmas, my very best regards. Richard M
Richard Morley auf der Moto Parilla 250
Continental Circus
Bevor ich zu den Ereignissen während und zwischen den Rennen komme, ist es angebracht, ein- mal das Leben des Durchschnittsfahrers im "Continental Circus" zu beschreiben und einige der Rahmenbedingungen aufzuzeigen, unter denen er in den 60er-Jahren arbeitete und lebte. Die 'Pri- vatfahrer', zwischen 30 und 40 an der Zahl, waren das eigentliche Herz des Rennzirkus und sie kamen aus den verschiedensten Lebensbereichen und Ländern. Australien, Neuseeland, Südafrika und Rhodesien lieferten regelmäßig Nachschub an jungen (oder nicht mehr so jungen) talentierten Motorradrennfahrern in jedem Jahr. Was mich betrifft, bin ich in London geboren und war zunächst ein Werkzeugmacher, bevor ich Ingenieur im KFZ-Bereich wurde.
Mit dem gezahlten Startgeld für die unteren Klassen von zirka £50, das bis zu £70 oder £100 pro Start für die 350er- und 500er-Klasse anstieg, hieß es für den Privatfahrer soviel wie möglich Starts zusammen zu bekommen, innerhalb dessen, was die Anzahl Meilen, die zwischen den Rennplätzen zurückzulegen waren, erlaubte - zeitweise waren dies über 1000 Meilen, wobei zahl- reiche Ländergrenzen zu passieren waren. Das war nicht immer leicht in den Sechzigern. Norton Manx, AJS 7R und Matchless G50 waren erste Wahl für einen Privatfahrer in der 350er- und 500er-Klasse. Aus noch mehr Marken konnte man in den unteren Klassen wählen, darunter Moto Guzzi, Morini, Mondial, Ducati, MV, Aermacchi, Benelli, N.S.U und Bultaco, ja sogar MZ, Jawa und CZ, aber die waren für Privatfahrer schwer zu bekommen, da sie hinter dem 'Eisernen Vorhang' im kommunistischen Ostblock gebaut wurden. Viele dieser Maschinen waren frühere Werks-Rennma- schinen und an einigen nagte bereits der Zahn der Zeit. Die meisten der etablierten Werksfahrer wechselten zu den japanischen Honda-, Yamaha- und Suzuki-Teams, die damals, nicht überra- schend, begannen, sämtliche Preise und Weltmeisterschaftspunkte für sich zu vereinnahmen.
So zog man als Privatfahrer durch Old-Europe - die Freundin betätigte sich als Friseur
Die meisten Privatfahrer reisten mit Ehefrauen, Freundinnen oder Mechanikern zu den Rennen und der am meisten benutzte Transporter war zweifellos der sehr verlässliche Ford Thames Kleinbus. Einige wurden modifiziert mit Ford Zephyr 6-Zylinder-Motoren, was einiges Stirnrunzeln hervorrief, da sie mit über 130 km/h über die Autobahnen Europas bretterten, was für einen solchen Van in den Sechzigern schon ein mörderisches Tempo war. Diese Vans waren nicht nur ein Transport- mittel für die Privatfahrer, sondern sie wohnten auch darin an vielen Tagen, wenn sie zu den Ren- nen unterwegs waren. Es gab noch keine Luxus-Wohnmobile, nicht einmal für Werksrennfahrer, die man weniger als Rider, sondern eher als "The Raiders"(Plünderer) bezeichnete. Diesen Titel erwarben sie sich dadurch, dass sie nur bei Weltmeisterschaftsläufen und anderen Veranstaltun- gen auftraten, wo hohe Preisgelder zu erwarten waren. Anschließend reisten sie zurück in ihre Heimatländer, um Punkte für die nationale Meisterschaft zu sammeln. Die Privatfahrer des "Conti- nental Circus" durften dann die anderen europäischen Rennen bestreiten, wo nicht so üppig be- zahlt wurde!
Eines der größten Probleme für die Privatfahrer war, einen Startplatz zu bekommen, und wenn sie ihn hatten, dafür auch noch rechtzeitig eine Nennbestätigung zu bekommen (es gab ja damals kein Internet). Dies war besonders schwierig für Fahrer, die in Ostdeutschland, in Ungarn, der Tsche- choslowakei oder in Jugoslawien starten wollten, denn Visa wurden in diesen Ländern verlangt, und nur gewährt, wenn der Fahrer eine schriftliche Einladung des Veranstalters vorweisen konn- te. Sogar nachdem er eine solche Einladung hatte, musste der glückliche oder auch unglückliche Fahrer manchmal auf dem internationalen Campingplatz in Wien Tage verbringen, um bei den ent- sprechenden Botschaften endlich sein Visum erteilt zu bekommen. Irgendwie scheinen wir damals alle immer einen Weg gefunden zu haben!
Richard Morleys Erinnerungen an die Solitude
Im Frühjahr 1964 war doch einiges Stirnrunzeln festzustellen, als bekannt wurde, dass ich vor- hatte, eine Nennung zum Weltmeisterschaftslauf auf der Solitude abzugeben, und einige Stamm- gäste im Fahrerlager verfielen fast in Schockzustand, als sie entdeckten, dass meine Nennungen für die 125er- und die 250er-Klasse auch noch akzeptiert wurden. Als ich am 16. Juli frühmorgens am Rundkurs ankam, einen Tag vor dem ersten Trainingslauf, kam ich dann doch ins Nachdenken, ob wir nicht vielleicht etwas zu vertrauensselig und/oder so naiv waren, den Eindruck zu erweck- en, ich könnte meine Parillas für dieses Meeting überhaupt qualifizieren. Hailwood, Redman, Read, Anderson, Taveri, Provini, Deubel/Hörner, Schneider, Shepherd, Duff, Beal, Robb, Bryans und ein junger Italiener namens Giacomo Agostini sind nur einige herausgegriffen aus der endlosen Liste von Werksfahrern, die in beeindruckenden Motorhomes und Transportern im Fahrerlager logierten. Die Kommentare von einigen der alten Witzbolde während der Fahrzeugabnahme reichten von "bist Du sicher beim richtigen Rennen zu sein?" bis "komm wieder, wenn Du eine richtige Rennverklei- dung hast!", was natürlich nicht gerade unser Selbstbewußtsein stärkte. In der Einführung zum Bericht über den Großen Preis von Deutschland 1964 auf der Solitude wird auf der Website www. solitude-memorial.de festgestellt, dass "niemals zuvor und niemals danach wieder so viele aktuelle und ehemalige Weltmeister in einem Grand Prix Rennen gegeneinander antraten."
Richard Morley auf der Moto Parilla 250 beim Solitude-Grand Prix 1964
Hätte ich vorher gewußt, dass dies der Fall ist, hätte ich bestimmt nicht den Nerv gehabt, mich für dieses Rennen anzumelden. Da für jede Klasse ein einstündiges Training am Freitag und am Sams- tag und das Rennen am Sonntag angesetzt war, mit Ausnahme des 250er-Rennens, das bereits am Samstagnachmittag gefahren wurde, war mein Plan, jedes Einstunden-Training in zwei Läufe zu je 3 oder 4 Runden aufzuteilen, um zwischendurch an die Box zu fahren, um das Motorrad zu checken und alle nötigen Einstellungen vorzunehmen, bevor ich weiterfuhr. Dass ich auf dem herr- lichen Solitude-Rundkurs zum ersten Mal fuhr, machte mich etwas ängstlich aber ich war sehr ent- schlossen, das Beste daraus zu machen, als ich auf meine 125er stieg. Bald musste ich entdeck- en, wie schnell die Werks-Hondas, -Yamahas und -Suzukis tatsächlich waren im Verhältnis zu meiner Parilla. Sogar die MZ und Bultacos gingen schneller als ich sie jemals zuvor gesehen hatte. Hugh Anderson, Redman, Read, Frank Perris und viele andere müssen mich überholt haben mit einem Geschwindigkeitsüberschuss von 60 km/h oder mehr! Mit solch einem Geschwindigkeits- nachteil war das Einzige, was ich tun konnte, mich in den Windschatten einer Bultaco oder einer nicht so schnellen Maschine zu hängen und mich anzusaugen in den nicht so schnellen Kurven. Das tat ich manchmal hart an der Grenze und musste einige sehr unkonventionelle Linien fahren, um einigen Frühbremsern nicht hinten drauf zu knallen.
Vic Watton, mein Mechaniker, eigentlich ein Optimist von Natur aus, schaute ziemlich grimmig, als ich ins Fahrerlager zurückkam und ich musste ein ebensolches Gesicht gemacht haben, als ich die Trainingszeiten sah! Hugh Anderson und die ersten Sechs fuhren allesamt Rundenzeiten um die 4.45,0 (Schnitt von 153 km/h), meine beste Runde im Vergleich war 5.45,0 (108 km/h)! Bei diesem Ergebnis, angesichts nur 30 zugelassenen Startern bei 52 Teilnehmern, war ganz klar, dass ich mich in dieser Klasse nicht qualifizieren würde. Mein erster Trainingslauf bei den 250ern lief etwas besser mit einer Rundenzeit von etwa 5.26,0, aber dies war immer noch rund 54 Sekunden langsa- mer als Phil Read, Agostini, Redman, Provini, Schneider und die anderen Spitzenleute dieser Klas- se. Dieses Mal mit 58 Teilnehmern würde meine verbesserte Zeit immer noch nicht reichen, um in die Top-30 zu kommen - fast geriet ich darüber in Panik! Ich hatte nur noch je eine weitere Chance in jeder Klasse, mich zu qualifizieren, und stellte mich darauf ein, aber nicht bevor ich wieder und wieder überlegte, was ich alles tun könnte, meine Parillas und mich schneller zu machen. Mit all diesen Dingen im Kopf und mit lauter Musik aus dem Fahrerlager und den Wäldern drumherum, erzeugt von über 30.000 Zuschauern, die bereits dort campierten, fand ich nachts nicht viel Schlaf in meinem Ford Thames.
Zwischen den Trainingsläufen waren Vic und ich damit beschäftigt, die Motorräder vorzubereiten. Das bedeutete für mich drei Besuche beim eigens aus England hierher gekommenen Dunlop Renn- dienst, um neue Reifen aufziehen und die Felgen auswuchten zu lassen. Zu Beginn der Saison hatte ich in Fort Dunlop Birmingham eine Vereinbarung geschlossen, wonach ich 6 Sätze der neu- esten Weichkomponenten-Rennreifen zum Start der Saison bekommen sollte und weitere in allen Weltmeisterschaftsläufen und internationalen Rennen, in denen sie mit dem Renndienst vor Ort sind, sofern ich sie benötigte - und das alles völlig kostenlos! Bei meiner Ankunft im Dunlop- Truck hatten die Motorräder noch die Originalreifen vom Saisonbeginn aufgezogen. Sie zeigten erstaun- lich wenig Verschleiß und das schien die Dunlop-Leute etwas zu überraschen. Nachdem sie die neuen montiert und die alten sorgfältig inspiziert hatten, gaben sie mir den Rat, für das letzte Trai- ning und das Rennen den Reifendruck um etwa 0,1 bar zu reduzieren, vorne und hinten. Später fragte ich mich noch oft, ob es diese winzige Änderung des Reifendrucks war, die mir am meisten half, meine Rundenzeiten beim nächsten Mal zu verbessern.
Solitude 1964 - Schatten-S-Kurven
Die letzten Trainingsläufe kamen alle viel zu früh, aber das war nun mal so. Das 250er-Training war das erste des Tages und jetzt wusste ich, dass ich unterhalb von 5.20 Minuten bleiben muss- te, um noch irgendeine Chance zu haben, mich zu qualifizieren. Ich hatte schon vorher gemerkt, dass es zwei Streckenabschnitte gab, wo langsamere Fahrer auf die schnelleren warteten, um sich, so- bald sie vorbeikamen, sofort in deren Windschatten für die kommende Gerade zu hängen. Mein erster Versuch diesbezüglich war die Verfolgung von Ernst Weiss auf seiner Cotton, aber dies war nicht sehr hilfreich, weil mich Ernst, der auf der Geraden erstaunlich schnell war, in den Kurven aufhielt. Als ich auf halbem Wege meiner letzten Trainingsrunde war und schon alle Hoff- nung aufgegeben hatte, noch einen Windschatten zu ergattern, überholte mich eine sehr schnelle ex-Werks-NSU Sportmax, als wir gerade eine Serie von sehr schnellen Kurven in Angriff nahmen, und dieses Mal war ich endlich in der Lage an der NSU dran zu bleiben, und zwar bis zur Zielgera- den, wo ich aus dem Windschatten hervorstach und mit der NSU auf der Ziellinie gleichziehen konnte. Ich wäre zwar gerne noch eine weitere Runde an der NSU drangeblieben, aber ich wuss- te, dass ich nicht mehr viel Benzin im Tank hatte und außerdemwollte ich keinen Motorschaden ris- kieren, denn meine Maschine erreichte auf der Geraden hinter der NSU schon 9.400 U/min, wobei ich zum ersten Mal Ventilflattern erlebte. Das Lächeln in Vics Gesicht bei meiner Rückkehr ins Fah- rerlager sagte wohl, ich hätte genug getan um mich fürs Rennen zu qualifizieren, aber noch hatten wir eine angstvolle Zeit vor uns, bis die endgültigen offiziellen Trainingszeiten im Fahrerlager veröf- fentlicht wurden. Endlich kamen die Ergebnisse und ich war dabei, gelistet als der 25. qualifizierte Fahrer mit einem Startplatz in der Mitte der fünften Reihe für den Grand Prix am Nachmittag. Dies war ohne Zweifel einer der stolzesten Momente meines Lebens.
Nach meinem 250er Trainingslauf folgten die 350er und 500er sowie die Seitenwagen mit ihren letzten Traingssitzungen, bevor ich wieder dran war zum letzten 125er Training. Vic hatte meine 250er überprüft und überrascht festgestellt, dass die Speichen im Vorderrrad lose waren! Zum Glück zog er sie nicht sofort fest, da wir nach etwa 30 Minuten entdeckten, dass sie sich selbst wieder angezogen hatten, nachdem die Trommelbremse abgekühlt war. Aber dann zog er jede Speiche doch noch um eine Vierteldrehung fester an. Nachdem das 125er Training einmal unterwegs war, versuchte ich, meine Taktik aus dem 250er-Training, abzuwarten und einen Windschatten zu ergattern, zu wiederholen. Leider fand ich bei dieser Gelegenheit keinen Fahrer, der langsam genug war, mich vor den langen Geraden anzuhängen, aber schnell genug, um meine Kurvengeschwindigkeit beibehalten zu können, ohne blockiert zu werden. Meistens konnte ich nirgendwo in die Nähe einer Luftströmung kommen, weil die meisten Fahrer viel zu schnell an mir vorbeirauschten. So fuhr ich den Rest des letzten Trainingslaufs so hart wie ich nur konnte, in der Hoffnung, es sei schnell genug. Als die offiziellen Rundenzeiten ausgehängt wurden, war es keine Überraschung mehr, dass ich mich bei den 125ern nicht qualifiziert hatte. Es war das allererste und zum Glück auch das letzte Mal, dass ich eine Parilla nicht für einen Weltmeisterschafts Grand Prix oder irgendein anderes internationales Rennen nicht qualifizieren würde.
Start der 250 ccm Rennmaschinen - Jim Redman (Honda #9) Giacomo Agostini (Morini #17)
Zwei Stunden später stand ich in der Startaufstellung zum 250er Grand Prix und bekam in der 5. Reihe den vollen Durchzug aus den Auspuffrohren einiger der exotischsten Rennmotorräder der Welt zu spüren, als wir alle Aufstellung zur Einführungsrunde nahmen. Zurück am Startplatz und nun mit abgeschalteten Motoren konnte ich zwei Reihen vor mir Ginger Molloy auf seiner Werks- Bultaco sehen. Vor Ginger in der zweiten Startreihe standen Taveri und Bruce Beale auf Werks- Hondas und genau vor ihnen in der ersten Reihe Jim Redman auf einer weiteren Werks-Honda. Mir ging die Frage im Kopf herum, wieviele von diesen Kerlen ich wohl beim Start überspringen und hinter mir halten konnte bis zur ersten Kurve - für einen kurzen Moment des Ruhms? Alles stand nun ruhig und in völliger Stille und meine Adrenalin-Pumpe musste Überstunden machen in den Sekunden bis zum Start, als ich mit einer Woge innerer Kraft das Motorrad mit nur drei Schritten zum Anspringen brachte und es fertigbrachte, die meisten, wenn nicht alle, Fahrer der fünften und vierten Reihe zu überholen und mich an Gingers Hinterrad zu hängen für die nächsten drei- oder vierhundert Meter. Niemand überholte mich in den Kurven auf der ersten Runde, aber auf den Ge- raden war das eine andere Geschichte.
Nach der ersten Kurve brach der Windschatten zu Ginger ab und zusammen mit 5 oder 6 anderen Fahrern entschwand er mit hoher Geschwindigkeit in der Ferne. Er und die anderen Fahrer waren weit und breit nicht mehr zu sehen, nachdem ich meine erste Runde beendet hatte. Nun am Ende des Feldes zusammen mit 4 oder 5 anderen Motorrädern fahrend, die etwa die gleiche Leistung brachten wie meine Parilla, verlegte ich meine ganze Arbeit darauf, die Gruppe anzuführen so oft wie nur möglich, als ich am Ende der zweiten Runde von meiner Box Platz 22 signalisiert bekam. Dies ermutigte mich, so weiterzumachen, ebenso wie alle folgenden Boxensignale, als ich eine oder zwei Positionen pro Runde nach vorne zu kommen schien, ohne irgendjemanden zu über- holen! Alles ging gut bis zur 8. oder 9. Runde als mein Motor ohne Vorwarnung einfach ausging und ich in Sichtweite der letzten Kurve vor Start und Ziel zur Seite ausrollen ließ. Als ich mir das Motorrad ansah, konnte ich keinerlei Problem feststellen und beim Schieben mit Kompressionsdruck merkte ich, dass es nicht erneut ein Problem mit der Steuerkette war, das in Albi aufgetaucht war. Ich überprüfte Benzinvorrat und Kerze, aber konnte immer noch nichts finden. Kurz danach sah ich Phil Read auf seiner Yamaha durchgleiten auf dem Weg zum Sieg, ganz nah gefolgt von Jim Red- man auf Honda und Mike Duff auf einer weiteren Yamaha.
Jim Redman vor Phil Read und Agostini Mike Duff auf Yamaha RD 56
Ich sah, dass weniger als 20 Fahrer ins Ziel kamen, und nun bei geräumter Strecke versuchte ich mein Motorrad erneut zu starten, was zu meiner Überraschung auf Anhieb Erfolg hatte. Ich fuhr dann zurück auf die Strecke und überfuhr die Ziellinie in der aussichtslosen Hoffnung, ich würde wenigstens einen Trostpreis für's Ankommen bekommen, aber dieses Glück hatte ich nicht. Als ich zurück ins Fahrerlager fuhr, bemerkte ich ein leichtes Vibrieren im Motor und es gab ein deutliches Pfeifen, als ich ihn abstellte. Damit war auch jede Hoffnung dahin, Vic und ich würden mit anderen Fahrern deren Erfolg feiern können. Wir machten uns sofort an die Arbeit, den 250er Motor zu zer- legen. Innerhalb über einer Stunde hatte Vic, der die meiste Arbeit machte, den Motor bis zu dem Grad demontiert, an dem wir feststellten, dass das Hauptlager hinüber war. Wir konnten allerdings nichts finden, was erklären konnte, warum der Motor während des Rennens einfach ausgegangen war. Dies bleibt für alle Zeiten ein Geheimnis. Ein Hauptlagerschaden ist ziemlich ärgerlich, wenn man keine Ersatzkurbelwelle dabei hat, zumal wir vorhatten, am folgenden Wochenende beim ost- deutschen Grand Prix auf dem Sachsenring zu fahren und in Ulster beim Nordirland Grand Prix nur 2 Wochen später! Während ich zum Duschen und Umziehen ging, baute Vic die untere Hälfte des Motors aus dem Rahmen aus.
Jim Redman vor Phil Read Giacomo Agostini auf Morini 250
Bei meiner Rückkehr fand ich Vic zusammen mit einem jungen Deutschen, der nahe bei uns parkte und sich schon vorher für die Parillas interessiert hatte. Er erklärte Vic in gutem Englisch, dass er Kontakte zu einer Stuttgarter Präzisionswerkstatt habe und behauptete, dass diese jeden Lager- schaden eines Rennmotorrads beheben könne. Karl im Solitude-Fahrerlager zu treffen, wurde zum wohl größten Glückstreffer der ganzen Saison! Da nichts mehr zu fahren war, verbrachten Vic und ich den Sonntag mit Zuschauen bei den Rennen der 350er- und 500-Klassen und wir waren beeindruckt von den Leistungen der Privatfahrer Vernon Cottle und Derek Woodman, die 5. und 6. auf ihren AJS in der 350 ccm Klasse wurden, und Morrie Low, (Norton) Fred Stevens und Lewis Young, beide auf Matchless G50, die 5., 6. und 9. im 500er-Rennen wurden, das Mike Hailwood auf MV gewann.
Als Erstes am Montagmorgen erschien Karl, wie versprochen, und brachte uns zur erwähnten Präzisionswerkstatt. Es stellte sich heraus, dass es eine Abteilung oder Filiale der Heinkel-Gruppe war, der Flugzeugbau und Ingenieurbau-Gruppe. Zu unserer Überraschung wurden wir sofort durch einige beeindruckende Vorstandsbüros geführt. Dort wurden wir bald darauf von zwei Direktoren begrüßt - Karl hatte tatsächlich einen beträchtlichen Einfluss hier! Wir diskutierten unsere Probleme mit dem Lagerschaden und unseren Wunsch, innerhalb von 3 Tagen zum Sachsenring aufzubrechen. Der Chefingenieur wurde hinzugezogen und etpuppte sich sehr schnell als Motorradrennsportfan. Der Chef zeigte mir seine blitzsaubere Werkstatt, während Karl und Vic den 250er Rennmotor holten. Wir hatten die Kurbelwelle noch nicht zerlegt, da wir dachten, es wäre besser, dies in einer sauberen Werkstatt zu tun als im staubigen Fahrerlager. Als Vic zurückkam mit dem Motor, erklärte ich dem Chef, dass wir alle Werkzeuge dabei hätten und bereit wären, das Kurbelgehäuse zu zerlegen. Aber der hörte nicht darauf und erklärte mit einem Lachen, dass er Probleme mit der Gewerkschaft bekäme, wenn seine Mitarbeiter sehen würden, dass wir in seiner Werkstatt arbeiten. Seine letzten Worte waren "lassen Sie alles hier und kommen Sie morgen um 11 Uhr vorbei, um zu sehen, wie wir weiter vorgehen". Wir übergaben je einen Komplettsatz Getriebe- als auch Motorenlager sowie Dichtungen und verbrachten den Rest des Tages mit einer Stadtrundfahrt in Stuttgart sowie einem Besuch in Karls Wohnung, wo wir sehr herzlich von seinen Eltern begrüßt wurden, bevor wir uns auf den Weg zum nun fast ausgestorbenen Fahrerlager machten.
Zurück in der Fabrik um 11 Uhr des folgenden Tages, wie ausgemacht, wurden wir von einem Wachmann direkt in die Werkstatt geleitet, wo wir den Motor zurückgelassen hatten. Es war niemand da und zu meinem Schrecken sah ich, dass der Motor immer noch so in einem Plastikkorb lag, wie wir ihn übergeben hatten. Als ich näher trat, sah ich, dass zumindest jemand den Motor geputzt und sogar den Zylinder poliert hatte, der nun aussah wie neu. Gerade als es uns dämmerte, dass bereits alle Arbeit getan war, betrat der Chef breit lächelnd den Raum und fragte uns, ob alles ok sei. Die gesamte Arbeit wurde innerhalb von 24 Stunden erledigt! Mit den 3 Motorrädern, die nun alle fahrbereit waren und zwei Weltmeisterschaftsläufen vor uns waren die hohen Kosten für die Reparatur der 250er zu dem Zeitpunkt unwichtig und wir konnten dem Chef und Karl nicht genug danken, bevor wir uns aufmachten zu unserer nächsten Herausforderung am Sachsenring in Ostdeutschland.
written by Richard Morley on www.motoparilla.co.uk
Richard Morley ist wieder zurück auf den Renn- strecken. So wie viele seiner früheren Kollegen fährt er bei Rennen für Motorradklassiker mit und immer noch auf seiner original 1964er Pa- rilla 250. 2007 war er in Schleiz und in Spa- Francorchamps. Was er dabei erlebte, ist eben- falls auf der Website www..motoparilla.co.uk nachzulesen. Wenn man jemals aus erster Hand wissen will, wie das Leben eines Privatfahrers in den Sechzigern war, dann ist Richard der richtige Ansprechpartner für authentische Ge- schichten über Maschinen, Leute und Strecken. 2008 ist er sicher wieder bei den Biker's Clas- sics in Spa anzutreffen.
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Schleiz 2007 - Richard mit Heinz Rosner Richard Morley 1964
GESCHICHTE